Amelie, "Der Wassermann"
Paperback, Großdruck, 89 Seiten, 15 €

Hi, mein Name ist Juan Li Wang. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und ich wohne in Beijing. Beijing ist eine große Stadt im Nord-Osten Chinas und hat ungefähr sechzehn Millionen Einwohner. Ich bin also nur ein Mädchen unter vielen Menschen in dieser Stadt. Und doch wohne ich in einem der neuen Hochhäuser, zwar außerhalb des fünften Ringes, doch immernoch im Chaoyang District, ein Bezirk, in dem viele Neureiche wohnen. Unten am Kanal wohnen die einfachen Leute in den Arbeiterbaracken, ohne heißes Wasser und Heizung. Ich kann die Baracken von meinem Fenster aus im fünfzehnten Stock sehen. Es sind kleine Zimmer, jeweils mit zwei oder drei Stahlbetten, einer Kochstelle und einem Plumpsklo. Die Häuser sind vermodert, doch wenn man abends von der Straße aus in die Wohnungen schaut, dann schimmert das Licht der Öllampen gelblich und alles sieht verstohlen und gemütlich aus. Es sind schlichte Häuser, in denen einfache, gute Menschen wohnen. China braucht die Armen und die Reichen wie die Blumen den Regen und die Sonne, damit alles wundervoll gedeihe. Die Regierung sagt, dass es bald allen besser gehen wird. Ich glaube fest daran, dass wenn wir alle unser Land sehr lieben, werden wir reich vom Himmel beschenkt.

Ich wohne gleich am Chaoyang Park, in der Jiuxianqiao, genau dort, wo die Straße einen Knick macht und nach einhundert Metern auf die Langmaqiao Lu trifft. Heute ist wieder viel Smog und man kann nicht weit schauen. Der Himmel färbt sich im Frühjahr rötlich und brauner Staub vernebelt die Luft, weil die Sandstürme wieder anfangen. Die Winde aus der Wüste Gobi schleudern den Sand bis nach Beijing hinein. 30.000 Bäume hat die Regierung in der Mongolei gepflanzt, um die Verwüstung aufzuhalten. Der Sand soll durch die grüne Mauer gestoppt werden, doch die Bäume sind noch jung und zu klein, um schon etwas auszurichten. Wenn es die Sandstürme nicht sind, dann ist es der Smog, der einem die Sicht nimmt.
Die Kohle, die in den alten Fabriken verbrannt wird, und die Autos, die hunderttausendfach über die Straßen rollen, sind wohl Schuld. Aber keiner wird die Autos aufhalten können. Wir lieben Autos und wir lieben die Bewegung.


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